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Die wahre Spaltung Deutschlands wird von Bildungsbürgern betrieben

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PAWEL KOPCZYNSKI / REUTERS
Menschen in einer Kneipe in Berlin Kreuzberg.

Gießen, nicht weit vom Markplatz der mittelhessischen Studentenstadt: In der Bar Türmchen trinken die Menschen Gin Tonic oder Aperol Spritz. Die kleinen viereckigen Tische sind frisch poliert, leise säuselt im Hintergrund amerikanische Chartmusik aus den Boxen.

Hier sitzen Studenten höherer Semester, junge Frauen und Männer, einige ältere Damen und Herren. Sie reden über Semesterarbeiten, Jobs am Lehrstuhl. Über Auslandssemester, über das Heiraten – und warum sie nie heiraten wollen.

50 Meter Luftlinie: Der Mann an der Theke der Bierbörse ist verheiratet. Zumindest deutet darauf der Ring hin, den er an der rechten Hand trägt. Der Mann trägt eine Jeansjacke, eine Kappe mit gebogenem Schirm und einen Schnauzbart. Vor ihm steht ein halbleeres Bier und ein halbvoller Aschenbecher.

Die Bierbörse war früher eine Spielhalle. Jetzt ist sie vor allem eine Kneipe. Hier wird geraucht, es plärrt Schlagermusik aus einer alten Jukebox. Der Umgangston ist rau, niemand redet über Semesterarbeiten.

Hinter den orangefarbenen Verschlägen, unter denen sich irgendwann mal Fenster befunden haben müssen, zeigt Gießen sein anderes Gesicht.

Parallelgesellschaften sind kein reines Migrationsthema

Man muss nicht nach Duisburg-Marxloh reisen, um eine Parallelgesellschaft zu erleben. Nicht nach Berlin-Neukölln oder in andere Viertel deutscher Großstädte, in denen die Menschen Türkisch miteinander sprechen, Schilder auf Arabisch übersetzt werden und Shisha-Cafés sich an Wettbüros reihen.

Nein, Parallelgesellschaften gibt es überall in Deutschland. Fast könnte man sagen: Die deutsche Gesellschaft existiert nicht mehr im Singular. Deutschland zerfällt in seine Milieus.

Als FDP-Politiker Alexander Graf von Lambdsorff in einem Interview im Wahlkampf vergangenen Sommer zugab, er habe keine Freunde, die nicht studiert hätten, wirkte das entlarvend: Der Politiker, dazu noch ein Abgeordneter der elitefreundlichen FDP, hat den Anschluss an die einfachen Bürger verloren.

Vor allem aber war von Lambsdorffs Satz ehrlich. Denn das Phänomen, für das er steht, ist längst nicht nur ein Problem vermeintlich abgehobener Politiker. Nein, zwischen dem gesamten Bildungsbürgertum und dem Rest der Gesellschaft hat sich eine Kluft aufgetan, die immer größer zu werden scheint.

Deutschland teilt sich in Akademiker und Nicht-Akademiker. Und politisch sorgt diese Kluft für eine gefährliche Entfremdung.

Wie Berlin zur Zwei-Klassen-Stadt wird

In der deutschen Hauptstadt ist die soziale Spaltung so offensichtlich, wie an kaum einem anderen Ort des Landes. Während die einen hier durch steigende Preise aus der Innenstadt verdrängt werden, floriert für andere das kulturelle Leben.

Marcel Helbig ist Soziologie-Professor an der Universität Erfurt. Seit Jahren beschäftigt er sich mit sozialer Ungleichheit. Der HuffPost sagt er: “Es ist ganz klar, dass wir eine zunehmende soziale Spaltung in einigen Regionen und Städten sehen. Wir können erkennen, dass bestimmte soziale Gruppen, zum Beispiel Hartz-IV-Empfänger, sich in bestimmten Gebieten ballen.”

ULLSTEIN BILD VIA GETTY IMAGES
Ein Wahlplakat der Grünen im Prenzlauer Berg.

Da gäbe es etwa den Wedding, Neukölln oder auch Teile Marzahns. Und auf der anderen Seite: Viertel wie Zehlendorf, Steglitz, den Prenzlauer Berg, Köpenick oder auch Charlottenburg, wo zunehmend gut Betuchte wohnen. In fünf Berliner Vierteln müssen dieBewohner mehr als 40 Prozent vom durchschnittlichen Haushaltseinkommen für die Miete ausgeben – nirgendwo sonst in Deutschland wird dieser Wert übertroffen.

Das kann sich meist nur leisten, wer gut ausgebildet ist. In vielen Gegenden des Prenzlauer Bergs so etwa liegt die Akademikerdichte mittlerweile bei rund 75 Prozent. Helbig beobachtet: “Hier nehmen die Berührungspunkte zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen weiter ab.“ Und diese Spaltung beginnt bereits im frühen Kindesalter.

Der Aufstieg im Bildungssystem ist schwierig

Schon im Klassenzimmer entscheidet sich vielfach, wer später im Türmchen sitzt – und wer in der Bierbörse.

Auch Soziologe Helbig sagt: “Es gibt etwa Schulen in denen 70 bis 75 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind. So fängt eine Abkapselung an und damit Prozesse, die häufig auch mit sozialen Gräben einhergeht.“

Was so entstehe, sei ist eine Trennung der Stadt in Arme und Reiche. “Das spiegelt sich darin mit wem man in Kontakt kommt, mit wem man auf die Schule geht, mit wem man seine Freizeit verbringt.”

Wie wichtig das eigene Umfeld für den akademischen Erfolg ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. So schaffen rund 70 von 100 Kindern aus Akademiker-Haushalten in Deutschland selbst einen wissenschaftlichen Abschluss, bei Kindern, deren Eltern keinen Universitätsabschluss haben, sind es nur rund 20 Prozent. In Sachen Bildungsgerechtigkeit ist die Bundesrepublik ein Entwicklungsland.

Wer es nicht früh schafft, der schafft es nie.

Oft ist nicht der Wille das Problem, sondern der Weg. Oder eher: Das Fehlen eines sich abzeichnenden Weges. “Es wäre wichtig, dass es im schulischen Zusammenleben auch Vorbilder gibt”, sagt Helbig. “Wenn zu viele Leute da sind, die das Gefühl haben ‘meine Eltern sind schon gescheitert, ich werde auch scheitern’, dann ist ein Aufstieg sehr schwierig.“

In vielen Städten entstehen Hartz-IV-Milieus

Es ist kein Hauptstadt-Phänomen. In vielen Gegenden des Landes finden Kinder von Arbeitern oder gar Arbeitslosen keinen Anschluss nach oben.

Im Leverkusener Stadtteil Alkenrath etwa sind Perspektiven rar. Rund die Hälfte der rund 800 Kinder dort sind von Armut bedroht. Es ist ein regelrechtes Hartz-IV-Milieu entstanden – 15 Autominuten vom Campus Leverkusen der Technischen Hochschule Köln entfernt.

LENNART PFAHLER
Der Eingang des Alkenrather Familientreffs Alfa.

“Die zweite Generation Hartz-IV-Empfänger in Alkenrath, die vielleicht 30 bis 35 sind, haben sich vollkommen abgekapselt”, sagt Pfarrer Jürgen Dreyer, der hier versucht gegen die soziale Verwahrlosung anzukämpfen.

Dreyer schimpft: “Die haben schon bei ihren Eltern gesehen, dass die nicht mehr arbeiten gehen – und dann kommt oft auch noch das Privatfernsehen dazu. Wenn ich dahin komme, sehe ich gleich den großen Flachbildfernseher und es läuft nur Dreck.”

Das schlage sich auf die Sprache nieder und rücke die Menschen immer weiter weg vom Bildungsmilieu. Er weiß: “Es gibt im Ruhrgebiet sogar Gegenden, da wird nicht mal mehr Privatfernsehen geschaut, da laufen nur noch Porno-DVDs.“

Ganz allgemein leidet darunter die gesellschaftliche Partizipation der Betroffenen. Der Soziologe Dietrich Engels etwa hat beobachtet: Kinder, die aus der sozialen Oberschicht stammen, sind häufiger Mitglied in einem Verein als Kinder aus der sozialen Unterschicht.

“Das findet komplett außerhalb ihres Radars statt”

Pfarrer Dreyer versucht auch Kinder aus Hartz-IV-Haushalten für Aktivitäten zu gewinnen. Die Kluft zwischen ihnen und ihren Mitschülern aus besser gestellten Milieus abzubauen. Doch er stößt an seine Grenzen.

Dreyer sagt: “Wenn nur einer ‘Hier’ schreien würde und sagen ‘Mein Kind will mit auf eine Freizeit aber die ist zu teuer’, würde ich sofort in meine Diakonie-Kassen greifen (…) – aber das passiert sehr sehr selten.”

Die Familien hätten nämlich gar nicht auf dem Schirm, dass es derlei Angebote gebe. “Das findet komplett außerhalb ihres Radars statt.”

Doch auch Akademiker-Haushalte tragen aktiv zu dieser Spaltung bei. Denn immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen – und fördern somit die Bildungsungleichheit.

Im Schuljahr 2012/13 gab es in Deutschland laut Bundesamt für Statistik bereits 5651 Privatschulen. Das waren 74,8 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. In Hamburg stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Privatschule besuchen, im Jahr 2016 im Vergleich zu den vorangegangenen zwölf Monaten etwas an, auf 20.500.

Bildung kauft Einfluss

Und die teure Bildung zahlt sich später aus.

Studien beweisen so seit Jahren: An der Gestaltung von Politik sind höhere Bildungsschichten stärker beteiligt als Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Dass liegt nicht nur daran, dass sie in einflussreichere Positionen gelangen.

Nein, Menschen mit niedriger Bildung gehen auch seltener wählen und organisieren sich seltener in Vereinen und Parteien. Bestes Beispiel ist die einstige Arbeiterpartei SPD. Auch sie wird mittlerweile von Akademikern dominiert, fast 4 von 10 Mitgliedern haben einen akademischen Abschluss, in der Parteispitze ist der Wert deutlich höher.

DIW-Ökonom Marcel Fratzscher warnt: “Die Gefahr ist, dass eine Spirale zwischen Ungleichheit bei der politischen Teilhabe und sozialer Ungleichheit entsteht.”

Worüber reden “die da oben”?

Ebenso dramatisch: Es entstehen zwei unterschiedliche Diskurswelten. Wenn in Berlin-Mitte über die Ehe für Alle, den Paragraf 219a und die Kennzeichnung von Lebensmitteln diskutiert wird, geht das völlig an der Lebensrealität vieler Bürger – etwa in Berlin-Wedding, wenige Kilometer vom Regierungsviertel – vorbei.

Darauf zumindest deuten Umfragen hin. Im Jahre 2016 fand das Institut für Demoskopie Allensbach heraus, dass nur noch ein Viertel der Deutschen glaubt, dass die Politiker die Interessen der Bevölkerung vertreten.

Das jüngste Beispiel ist die ideologische Scheindebatte über den Islam. Sie dominiert seit Wochen die Bundespolitik. Umfragen zeigen derweil, was die eigentlichen Themen sind, die die Menschen gerade bewegen: Etwa ein bezahlbarer und besser ausgebauter Nahverkehr oder eine verbesserte Schul- und Kita-Infrastruktur. Die Elite redet an den Bedürfnissen der Menschen vorbei.

HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS
Die SPD-Spitze hat studiert: Andrea Nahles und Olaf Scholz.

Anderswo redet man überhaupt nicht mehr miteinander. Denn damit Menschen auf einer Wellenlänge miteinander sprechen, braucht es auch räumliche Nähe. Die jedoch nimmt immer weiter ab. Bildungsbürger leben in den schicken Bezirken, Arbeiter und Arbeitslose in den weniger begehrten Stadtteilen.

Soziologe Helbig sagt der HuffPost: “Das Problem ist, dass wir zu stark den Blick auf der Bildungspolitik haben. Eine bessere Sozial- und Wohnungspolitik wäre viel wichtiger.”

Der einzige, der hier etwas ändern könne, sei der Staat. Ein wichtiger Hebel wären die Belegungsrechte für Sozialwohnungen, damit auch Sozial Benachteiligte in guten Stadtteilen wohnen können.

Helbig kritisiert: “Diese Belegungsrechte hat man in Vergangenheit lieber verkauft, um sie zu versilbern.“

Das letzte Bier des Abends

Im kleinen Gießen ist dieses Problem weniger drängend. Die Stadt hat die höchste Studierendendichte in Deutschland, fast jeder zweite Einwohner ist an einer Hochschule eingeschrieben. Dennoch: Völlig abgeschottet vom Rest leben die zukünftigen Akademiker nicht.

Gegen ein Uhr nachts füllt sich die Bierbörse plötzlich.

Der Mann in der Jeansjacke hat sich an einen Tisch gesetzt. Ihm gegenüber sitzen nun drei Studenten. Jura, VWL, Germanistik. Sie kommen vom Feiern, in der Bierbörse gibt es traditionell das letzte Bier.

Und ein Gespräch mit denen, mit denen man sonst nicht spricht.

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