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Böcke zu Gärtnern! Wikipedia als Desinformationskanal

Ein Kommentar von Dirk Pohlmann.

Die britische Philip Cross Affäre hat erneut bewiesen, wie schlecht es um Wahrheitsgehalt, Objektivität und Glaubwürdigkeit der Wikipedia bestellt ist. Aber die Situation ist noch übler als bisher angenommen. Das Versagen der Wikipedia ist kein Unfall, sondern hat System. Mit fundamentalen Auswirkungen in der Zukunft.

Vor 4 Jahren dachte ich noch, wie die meisten Menschen, die Wikipedia sei ein offenes System, in dem jeder mitschreiben kann und die Wahrheit- ähnlich wie in der Wissenschaft- durch den Konsens der Informierten in einem diskursiven Prozess festgelegt wird. Das ist eine in den Naturwissenschaften gut funktionierende Methode, bei geschichtlichen oder politischen Themen ist der Vorgang etwas holpriger, aber Lexikon ist Lexikon, der Brockhaus hatte ja als annähernd objektive Quelle auch ziemlich gut funktioniert. Das Wort in der Wissenschaftstheorie ist dabei nicht „objektiv“ sondern „intersubjektiv“, es verweist auf den Prozess der Annäherung von Einzelmeinungen, statt eine strahlende Wahrheit zu behaupten, die es zu entdecken gilt. Es gibt die schöne indische Geschichte von den blinden Mönchen, die jeweils einen Teil eines Elefanten „begreifen“, und jeder behauptet dann, den anderen Blinden hartnäckig widersprechend, der Elefant sei Stoßzahn, Rüssel, Ohr, Säulenbein usw, was alles einzeln stimmt, aber eben nur eine Teil-Perspektive darstellt. Nur die Zusammenschau kommt der Wahrheit nahe.

In der heilen Welt der Demokratie ist die Wikipedia Idee genial. Das Internet kann man sich als gigantische Öffentlichkeit vorstellen, und der Schwarm ist nun mal schlauer als das Individuum, was man bei „Wer wird Millionär“ gut beobachten kann. Der Publikumsjoker findet die richtige Antwort deutlich öfter als der Experte am Telefon. Und falls es mal Manipulation oder Fehldarstellungen in Wikipedia gibt, hilft das Prinzip der Öffentlichkeit zurück auf den Pfad der Wahrheit, die in einem kontinuierlichen Reparaturprozess aus den Teilmeinungen destilliert wird. Soweit die Theorie.

Leider ist die Wikipedia kein offenes System, sondern eine sehr hierarchische Struktur, die von Meinungscliquen gekidnappt werden kann und wird. Dann ist Schluss mit der Kontrolle der Öffentlichkeit. Die „Editoren“ und „Administratoren“ mit vielen Einträgen und Änderungen können die Frischlinge überstimmen, und in der Wirklichkeit wählen sich die alten Hasen (besser: Wölfe) ihre passenden Oberaufseher. In der Wikipedia tritt dann eine Mannschaft (ein Rudel) gemeinsam mit einem von ihnen bestimmten, parteiischen Schiedsrichter gegen den Rest an. Die Schiedsrichter stellen einen gegnerischen Spieler nach dem anderem vom Feld, bis kaum noch Spieler bei den Frischlingen übrig sind. Das ist hochgradig ungerecht, der schiere Machtmissbrauch. Und der Zweck der Übung. „Sie wurden übel gefoult? Das ist falsch. Sie wehren sich? Wegen Vandalismus werden SIE für diese Behauptung auf Lebenszeit gesperrt.“ Das ist keine pointierte Übertreibung, genau so läuft es in Wikipedia, wo Böcke serienmäßig zu Gärtnern gemacht werden und Teilnehmer beim ersten angeblichen Verstoß auf Lebenszeit gesperrt werden. Alleine im Januar 2017 waren es etwa 500 gesperrte Wikipedianer.(…) Weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

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